Woher nehmt ihr die Inspiration für eure Musik?
Rupert: Ich weiß nicht… Das kann ich nicht festmachen. Eigentlich ist es wie Gehen oder sich bewegen. Es ist einfach da.
Richard: Schwierige Frage. Es kommt intuitiv. Im Grunde verschmilzt alles was man erlebt oder erfahren hat. Das passiert unbewusst. Musikalisch kommt die Inspiration seit jeher über Platten. Vor der Download-Ära war es Musik, die schwer zu bekommen war. Hard-to-get-Records aus den Genres Black Music, Reggae, Funk und Rare Groove.
Welche Rolle spielt Wien?
Richard: Auf jeden Fall eine sehr wichtige. Vergleicht man Wien mit Berlin kann man vor allem Parallelen in der Gemütlichkeit erkennen: diese Let-Go-, Take-It-Easy- und Nicht-So-Genau-Attitüde. Dazu kommt dieser Ost-Flair, den beide Städte haben. Wien ist natürlich viel provinzieller. Früher komplett, aber auch noch heutzutage ist Wien ziemlich off the wall; wörtlich hinter dem Berg. Von daher dient es sehr gut als Rückzugsort und auch als Inspirationsquelle. Eben weil es keine Inspiration hergibt.
Rupert: Absolut keine! Im Gegensatz zu Berlin oder Paris, wo alle rumschreien, ist Wien extrem geräuschempfindlich. Es entsteht eine gewisse Scheingemütlichkeit. Sobald sich jemand laut räuspert, ist das schon fast störend. Man sitzt in der U-Bahn und ein Kind beginnt zu schreien…
Richard: …Zürich ist noch extremer. Da ist es noch leiser: da hörst du ALLES. Und jedes Geräusch hat eine Bedeutung. Wie auch immer, die Städte haben auf jeden Fall eine große Bedeutung. In Warschau wäre wohl eine komplett andere Platte entstanden.
Du lebst in Zürich, Richard?
Richard: Ja, ich bin der Grossteil meiner Zeit dort.
Wie muss man sich denn eure Zusammenarbeit vorstellen? Du in Zürich, Rupert in Wien,…
Richard: Wir treffen uns monatlich für eine Arbeitswoche im Studio in Wien. Das machen wir schon seit Ewigkeiten so und es funktioniert eigentlich gut. Da wir uns nicht permanent sehen, ist es auch nicht selbstverständlich und immer wieder spannend. Dass sich einer in Bewegung setzen muss, damit es überhaupt möglich ist, etwas zu produzieren, gibt den Treffen eine besondere Bedeutung. Bei diesen Sessions kommt eigentlich auch immer etwas dabei heraus. Wir haben uns nie getroffen und es gab kein Resultat. Wahrscheinlich, weil jeder unterbewusst weiß, dass die Zeit, die man miteinander verbringt, endlich ist. Man schätzt und nutzt sie so viel mehr.
Nehmt ihr zu diesen Sessions Sachen mit?
Richard: (lacht) Drogen…?
Darauf wollte ich nicht hinaus, das ist eure Sache. Ich meine eher: Ideen, Samples, etc.?
Richard: Es arbeitet jeder für sich vorgeistig und kreiert gedanklich Skizzen, die dann aber komplett überworfen und überarbeitet werden. Oft entstehen die Tracks erst durch das Zusammensein. Es ist genial: Alleine könntest du nicht denselben Effekt generieren, auch wenn du dir alle Mühe der Welt geben und Stunden im Studio verbringen würdest. Es ist unglaublich! Der Abgleich würde fehlen. Du machst irgendetwas und kannst es gleich jemandem vorspielen. Deshalb ist das gemeinsame Arbeiten viel effektiver.
Zum neuen Album: Der Titel „No Hassle“, ist das ein Appell an euch selbst? Oder an die Hörer?
Rupert: Auf der einen Seite sind wir der Meinung, dass man Sachen nicht unnötig problematisieren soll, dadurch entsteht nur zusätzlich Stress. Auf der anderen Seite bezieht sich „No Hassle“ auch auf das Album selbst. Es ist ein verwobenes Durchhör-Album und beinhaltet nicht einzelne Songs. Kombiniert mit der Live-CD hat man dann zwei Stunden, in denen man sich entspannen kann.
Richard: Heutzutage ist das purer Luxus, sich eine zweistündige Auszeit zu gönnen. Man ist immer abgelenkt, irgendwas ist immer los.
Rupert: Man soll sich einfach das Album in Ruhe anhören.
Schöne Idee! Bei diesem Album habt ihr wieder vermehrt organische Sounds verwendet. Wieso seit ihr nach dem letzten Album J.A.C., welches für eure Verhältnisse eher clubtauglich war, wieder zu eurem ursprünglichen Sound zurückgekommen?
Richard: Wir wollten weg vom Club. Klar hat das DJing nach wie vor einen Einfluss. Trotzdem wollen wir komplett off the wall sein. Andererseits wollen wir aber auch nicht in diese fürchterlich verwässerte Lounge-Schublade gesteckt werden.
Seid ihr mit dem Endprodukt eigentlich zufrieden?
Richard: Wir sind ganz happy mit der Platte. Anders als bei den letzten beiden Platten beinhaltet diese keine Songs per se, die als solche für sich stehen. Bei „No Hassle“ handelt es sich um ein Durchhör-Album. Leider stellen wir fest, dass das doch nicht unbedingt auf den ersten Blick verständlich ist. Vielleicht braucht es dafür auch länger. Ich bin aber davon überzeugt, dass das eines unserer Alben ist, welches am längsten halten wird. Wie „Suzuki“, die auch weniger Vocals hatte, mehr found sound. Die „Suzuki“ funktioniert noch immer sehr gut. Songs mit Vocals hingegen nutzen sich einfach schneller ab.
Die Vocals, die ihr jetzt angesprochen habt, ergeben nicht wirklich einen Sinn…
Richard: Es ist eigentlich nicht nur Nonsens, aber wirklich Sinn ergibt es auch nicht (lacht). Beispielsweise haben wir zuletzt eine neue Nummer, die leider nicht auf dem Album zu finden ist, mit Vocals eines thailändischen Taxifahrers gemacht. Wir waren über Silvester in Thailand und da habe ich den Typen aufgenommen. Der sprach ein Kauderwelsch, so ein komisches Thailändisch, keine Ahnung was es war.
Rupert: So ist man ja auch aufgewachsen. Bei mir zu Hause hörten meine Eltern italienische Oper, im Radio kamen nur englische Songs. Bis ich mit 19 Jahren Englisch gelernt habe, waren Vocals nur eine Art Phantasiesprache für mich.
Richard: Stimmt, den Großteil der Musik hörte man, ohne dabei etwas zu verstehen. Wortanteile spielten damals die gleiche Rolle wie ein Instrument.
Wie werdet ihr „No Hassle“ live umsetzen?
Richard: Nach 35 Jahren haben wir es tatsächlich endlich geschafft, ein Konzept zu entwickeln, wie man unser Ding wirklich live umsetzen kann – und das ohne hassle. Beim vorletzten Album hat Rupert live zum Beispiel eine 30-minütige Piano-Session gespielt, welche die Leute eher verwirrt hat, und im Anschluß gab es ein DJ-Set. Das war aber nicht wirklich unser Ding. Bei anderen Auftritten davor hatten wir eine Live-Version von „Dehli 9“ bei der wir Gitarre und andere Instrumente spielten. Wir waren quasi die Live-Band. Das hat uns auch nicht befriedigt. Es war alles viel zu mühsam und ineffektiv. Die Show war auch nicht wirklich gut. Also entweder macht man eine echte Live-Show mit Bandbesetzung – da braucht man aber 10 bis 15 Leute – oder man macht etwas ganz anderes und da sind wir jetzt endlich: Wir machen das in einem speziellen Ambiente. Letzten Sommer ergab sich zufällig die Idee, „No Hassle“ in einer Kirche aufzuführen. In Linz war dann der Testlauf. Wir beide waren beim Altar und die Leute mussten auf diesen ungemütlichen Holzbänken sitzen – super! Und dann diese Strenge. Eigentlich überhaupt keine Party-Umgebung, obwohl die Leute natürlich noch party people waren. Und die fanden das OK. In Kombination mit den Kerzen und den Visuals, welche eine sehr wichtige Rolle spielen, hat diese Art von Live-Umsetzung sehr gut funktioniert. Wir nehmen dieses Konzept jetzt als Live-Show und machen dort, wo es gut zusammenfällt, ein paar Live-Aufführungen.
Rupert: Interessant war die Rolle der Kirche in Linz. Nicht im religiösen Sinne; eher was die Aura betrifft. Es war als ob ein berühmter Bassist mitspielen würde, so anmutig. Das hat mir gut gefallen.
Woran arbeitet ihr neben Tosca? Ihr seht euch ja nur eine Woche pro Monat, da sollte noch viel Zeit nebenbei bleiben, oder?
Richard: Nein, überhaupt nicht! Eine Woche im Studio heißt nicht, dass du gleich einen Track produzierst. Dahinter ist eine Entwicklung und es dauert ewig, bis ein Track gut ist. Dazu kommt, dass wir vielleicht auch nicht so schnell sind. Wir lassen uns Zeit, no hassle. Die Idee ist schnell da, aber die Entwicklung dieser dauert länger. Und das ist wohl auch der Grund, wieso wir nur alle vier Jahre etwas rausbringen.
Rupert: Neben Tosca legt Richard ja nach wie vor auf und ich mache Klang-Installationen.
Die Zusammenarbeit mit !K7…
Richard: …ist ein traditionelles Ding. Seit über zehn Jahren arbeiten wir mit !K7 und kennen halt alles. Es ist wie eine Familie. Sie sind auch bisschen anhänglich, muss ich sagen. (lacht) Aber es hat immer ganz gut funktioniert. Mit ups und downs. Aber wenn so ein Zusammenarbeit einmal funktioniert, ist das ganz gut, das hat halt nicht jeder.
Wie seht ihr die aktuelle Musikszene?
Richard: Im Grunde find ich es schade, dass es das was mir machen so wenig gibt. Alle Leute machen nur noch Uptempo, Minimal oder irgendwas in der Richtung. Was halt abgeht. Alle wollen nur noch abgehen.
Rupert: Das könnten wir jetzt mal medizinisch-global betrachten: Das Tempo wurde einfach immer schneller.
Also seht ihr euch quasi als Mediziner?
Rupert: (Lacht) Ja, wir sind Mediziner.
Richard: (Lacht) Wir sind die doctors in da house…! Es gab eine Zeit, da wurde dieses Ambient-Ding gehyped. Heutzutage findet man aber nicht viele, die listening music auf einem hohen Niveau zu machen. Das ist schade. Ich habe das Gefühl, dass das was wir machen, sehr unmodisch ist. Gleichzeitig hat es aber einen klassischen Charakter und ist dadurch auch dankbar. Man kann das Album einfach gut hören und es nutzt sich auch nicht so schnell ab. Sonst würden wir uns auch nicht mehr die Mühe machen, das Album in der Form zu releasen. Wir könnten es einfach auf einem kleinen Label rausbringen, bräuchten keine Interviews mehr geben und müssten uns nicht so wichtig machen. Aber nein: Wir sind davon überzeugt.
Abschlussfrage an dich, Richard: Kruder & Dorfmeister haben nach zig Jahren Funkstille 2008 wieder etwas veröffentlicht. Wie sieht es da aus? Kommt da noch mehr? Plant ihr was?
Richard: Nein! Es erscheinen nur sehr sporadisch Sachen, wir wollen uns diese mysteriöse Aura erhalten. Plötzlich ist es da. Von Zeit zu Zeit machen wir Sessions, aber da wir nach wie vor keinem verpflichtet sind, gibt es keinen großangelegten Schlachtplan. Ich finde das auch ehrlich gestanden extrem cool. Je länger dieses unglaubliche Phänomen um Kruder & Dorfmeister besteht, desto besser finde ich es. Eigentlich ist es schwachsinnig und entspricht weder einer Businessnorm noch irgendeinem logischen Verständnis, nichts zu releasen. Aber es hat sich so ergeben. Es wundert sich jeder und genau deswegen finde ich es so cool. Bis uns ein Track nicht komplett umhaut, releasen wir bestimmt nichts! Auch sicher keine Session Nummer zwei. Das wäre auch totaler Blödsinn.
Toscas „No Hassle“ erscheint am 17. April auf !K7 Records.
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