Diese Vielfalt und die niedrigen Mieten machten den Stadtteil zu einem äußerst attraktiven Wohnort und so entstanden, wie das im Kapitalismus eben ist, in diesem Kontext natürlich auch attaktive Wertschöpfungsmöglichkeiten. Also wurde saniert und auch die Geschäfte stellten sich auf die Bedürfnisse der ehemals wilden Menschen ein, die langsam sesshaft wurden, Familien gründeten und sich dem nachhaltigen statt exzessiven Leben widmeten.
Die Bioladenquote stieg ins Unermessliche, ganz ähnlich wie die Fertilitätsrate. Die Ex-Wilden besannen sich ihrer, pardon soviel Klischee muss sein, schwäbischen Wurzeln und widmeten sich der saturierten Öko-Spießigkeit. Dieses Phänomen nennt sich Gentrifizierung und beschreibt erstmal und ohne Wertung die sukzessive (strukturelle) Veränderung eines Viertels, den Prozeß, der von den Hausbesetzern zu den gut verdienenden Ökofamilien und hohen Mieten führt.
Seit einigen Jahren sind die Zeiten für Clubs und andere Vergnügungslokalitäten hart geworden. Nach dem Knaack Club (der noch kämpft) und dem Magnet hat es nun leider auch den letzten verbliebenen, relevanten Club im Prenzlauer Berg erwischt. Die Rede ist vom Icon, das man mit Fug und Recht als Berliner Institution und gewissermaßen letzte Bastion in Sachen Drum’n'Bass, Headz und Artverwandtes bezeichnen kann.
Dort entstanden im direkten Umfeld schnieke Neubauten und es wurde eifirig luxussaniert. Die Folge waren Beschwerden der neuen Anwohner, die sich bitter beklagten, dass Paul-Malte und Lara-Sophie bei dem Lärm nicht einschlafen können - man fühlte sich von den Menschen auf dem Gehweg vor dem Club gestört. Was früher Argument und Reiz zum Wohnen in einem lebendigen, jungen Stadtteil ausmachte, wurde nun völlig ins Gegenteil verkehrt. Scheinbar soll der Prenzlauer Berg zukünftig nur noch einem dienen: dem gezielten Heranzüchten neuer, uniformer Superökokinder.
Diese dürfen auf gar keinen Fall Spaß haben (die Beobachtung übereifriger Eltern bei der Fortführung eines unschuldigen wie normalen Aushandlungskampfes um die Schaukel oder ein Förmchen auf einem Spielplatz im Prenzlauer Berg ist wahrscheinlich eine der erschütterndsten Zivilisationserfahrungen, die man machen kann), keinen Zucker essen und kein Fernsehen. Ähnlich verbissen agieren deren Eltern dann eben auch gegen alles, was sich nicht dieser Familien- und Wohnideolgie unterwirft.
Die logische Konsequenz der typischen klientelorientierten Hauptstadtpolitik ist nun also der Entzug der Konzession und deswegen muss das Icon ab dem 1. Januar 2011 leider seine Pforten schließen. An dieser Stelle sei der komplette Wortlaut der Pressemeldung dokumentiert. Es ist einfach nur traurig:
Liebe Freunde!
Am 01.01.2011 ist Schluss!
Wir sind eine der Institutionen im Berliner Nachtleben, mit dem der Senat nur zu gern wirbt. Das bringt der Stadt Geld - uns bringt das leider gar nichts. Zum 01.01.2011 wird uns die Konzession entzogen.
Ein Neubau direkt nebenan - modernes Wohnen im Prenzlauer Berg - teuer und schick. Ein Club vor der Tür passt da leider nicht ins Bild. Zu viele Beschwerden der neuen Anwohner - nicht wegen zu lauter Musik, sondern wegen der Leute auf dem Bürgersteig. Das Bezirksamt Pankow von Berlin verfügt: Wir müssen gehen.
Damit wird erneut ein Stück Berliner Clubkultur zerstört.
Bis Ende des Jahres machen wir weiter wie zuvor und werden alle unsere Lieblings-DJs einladen, noch einmal mit uns die heiligen Hallen zu rocken.
Am 31.12.2010 wird es ein letztes Mal “Icon goes…” geben. Die Woche davor werden wir feiern bis zum Umfallen.
Wir haben neue Pläne und Ideen, um unseren Traum mit unseren Freunden weiterzuleben. Und wir werden alles dransetzen, weiterhin jenseits von Mainstream und falscher Coolness mit qualitativ hochwertigen Bookings in intimer Atmosphäre all jenen, die uns bisher begleitet haben, ein neues Zuhause zu schaffen.
Pamela, Lars und Team
Foto via iconberlin.de
Don Olafio
7/08/2010 09:28
write a comment