Modeselektor + Apparat = Moderat. Diese Gleichung wurde erstmalig 2003 aufgestellt und resultierte damals im EP „Auf Kosten der Gesundheit“. Seither haben das Produzenten-Duo Gernot Bronsert und Sebastian Szary aka Modeselektor und der Solokünstler Sascha Ring aka Apparat erfolgreich an ihren jeweiligen Karrieren gearbeitet. Im Rahmen dessen entstanden vielfache Releases auf BPitch Control, Shitkatapult, Infiné oder P-Vine Records, interessante Kollaborationen mit Ellen Allien, Thom Yorke, Raz Ohara, Maximo Park oder Otto von Schirach und je über 1000 Live-Shows.
Dieses Jahr kreuzen sich die musikalischen Wege der drei Berliner wieder: Ihr erstes gemeinsames Album „Moderat“ wird diesen Frühling auf BPitch Control erscheinen. Electronic Beats traf das illustre Trio auf einen Kaffee in Berlin-Mitte. Im Gespräch über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser Zusammenarbeit, die Rolle professioneller Studios heutzutage, das Musikerleben und die bevorstehende Tour wurde viel gelacht, wild gestikuliert und ausführlich erklärt.
Eure letzte Veröffentlichung hieß „Auf Kosten der Gesundheit“. War es tatsächlich so schlimm?
Bronsert: Die Platte zu produzieren war anstrengend…
Ring: …wir waren noch klein und wussten nicht wie wir dieses Moderat-Ding, welches es bis dahin nur auf der Bühne gab und hauptsächlich aus Improvisation und Rumgespiele bestand, einfangen sollten. Es dauerte lange bis wir endlich einen Plan hatten; darum verpassten wir alle Deadlines. Für die letzte Deadline mussten wir die ganze Nacht durcharbeiten und am nächsten Morgen waren Gernot und ich dann krank. Szary musste die Aufnahmen dann am nächsten Morgen zum Mastern bringen…
Szary: …mit dem Fahrrad…
Ring: …auf dem nassen Kopfsteinplaster! Alles war schwarz/weiss…
Bronsert: Darum haben wir dann die Platte auch spontan in „Auf Kosten der Gesundheit“ umbenannt.
Szary: Interessant war auch, dass das Artwork genauso chaotisch war wie die ganzen Umstände und die Musik selbst: Die Cover, auf 900 oder 1000 Stücke limitiert, bedruckten wir von Hand. Leider haben wir aber die falsche Farbe gewählt, sprich die Cover trockneten nicht so schnell und klebten darum teilweise noch zusammen und das Ganze fing an zu schimmeln.
Im Pressetext steht, dass die beiden Modeselektoren mit ihren Kindern auf dem Weg zum Babyschwimmen im Schwimmbad Berlin Mitte zufällig dem Mädchen umschwärmten Apparat über den Weg gelaufen seid. Wie lief das genau ab?
Bronsert: Da muss ich ein wenig ausholen, denn der Pressetext ist von vorne bis hinten erstunken und erlogen. Ursprünglich haben wir einen Schreiber beauftragt uns einen Pressetext zu schreiben. Der hat sich aber weder gemeldet noch war er erreichbar. Einen Tag vor Presseschluss hatten wir dann keinen Pressetext; natürlich waren wir stinksauer. Wir haben uns also spontan bei mir abends getroffen und nach ein paar Bierchen dann diesen absurden Pressetext geschrieben.
Ring: Wir wollten weder einen lustigen noch einen seriösen Pressetext schreiben. Also blieb uns nur einen ‚seriösen’ Text zu verfassen, in dem Schwachsinn steht, was dann eigentlich wiederum lustig ist. Natürlich liegt aber in jedem Gag auch einen Funken Wahrheit.
Bronsert: Zurück zur Frage: Wir kennen uns schon ewig und sind auch privat befreundet. Wir planten seit langem ein gemeinsames Projekt zu realisieren; nur waren wir mit unseren und Sascha mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigt. Schließlich haben wir doch die Zeit und somit die Möglichkeiten für eine grössere Zusammenarbeit gefunden. Die geschilderte Situation im Pressetext sollte eigentlich unsere veränderten Lebensumstände widerspiegeln. Da wir beide mittlerweile Familienväter sind, können wir nicht mehr so hart feiern wie zum Beispiel Sascha – und dies obwohl wir den gleichen Job machen. Natürlich müssen wir auf den Festivals und in den Clubs wo wir auftreten berufsbedingt feiern. Dies machen wir aber auch sehr gerne. Die Story mit dem Stadtbad war aber ganz anders: Ich war mit meinem Kind am Montag Morgen um neun Uhr beim Babyschwimmen im Schwimmbad Berlin Mitte und begegne da Ritchie Hawtin, der mit seinem Training bereits fertig war. Respekt!
Szary: Ohne Kind wohlgemerkt.
(alle lachen)
Wo habt ihr denn sonst noch geflunkert?
Bronsert: Wir waren beispielsweise auch noch nie im Hansa Studio. (Anmerkung: Im Pressetext behauptet das Trio die neue Platte im Hansa Studio Berlin, wo David Bowie seinerzeit „Heroes“ aufgenommen hatte, produziert zu haben)
(alle lachen)
Ring: Genau. In einem derartigen Studio eine Platte aufzunehmen ist totaler Schwachsinn, denn A) könnte man dieselbe Platte auch zu Hause auf einem Laptop aufnehmen – natürlich wäre das mühsamer umzusetzen, aber generell doch möglich – und B) wäre die Restauration all dieser Geräte viel zu teuer. Darum gibt es heutzutage in der Studiowelt diese Rüstungskriege nicht mehr. Wie auch immer, jetzt interessieren sich alle für das Hansa Studio. Natürlich habe ich das Studio gefragt, ob es OK sei sie zu erwähnen und dass es uns leid tue, dass wir nicht vorher gefragt haben. Die Penner haben sich aber nicht gemeldet.
Bronsert: Sascha entwickelt eine gewisse Frustambivalenz wenn es um professionelle Studios geht.
Ring: Das erinnert mich eben an diese Geschichte, aber das muss ich jetzt nicht erzählen… Das kommt jetzt gerade wieder hoch… (nach kurzem Zögern) Was soll’s! Als ich noch klein war, wollte ich ein Praktikum in einem grossen Studio machen. Als ich mich bewarb, hatte ich das Gefühl von diesen professionellen Studios mit ihrem elitärem Gehabe nicht richtig geil behandelt worden zu sein. Beispielsweise fanden die Studiotypen meine E-Mail-Adresse mit Shitkatapult nicht so toll. Hätten die ein bisschen recherchiert, hätten sie aber bemerktn dass ich doch bereits Erfahrung mit Produktionen habe. Der Shitkatapult-Hintergrund wäre sogar ein Pluspunkt gewesen.
Bronsert: Diese Studiotypen sind sogenannte 19-Zoll-Arschlöcher.
Ring: (leicht gereizt) Die können alle kacken gehen! Heutzutage braucht die sowieso kein Schwein mehr. (kurze Pause) Ich bin aber nicht nachtragend. Die können heute gerne zu mir kommen und bei mir ein Praktikum machen.
(alle lachen)
Habt ihr die Kollaborationen auf dem Album denn auch erfunden?
Alle: Nein, die stimmen alle.
Szary: Alle Zusammenarbeiten entstanden zufällig – auf unterschiedliche Art jedoch. Sascha, der die Vocals zu „ Rusty Nails” und “Out Of Sight” beisteuerte, mussten wir zwingen. ZWINGEN!
Bronsert: (singt) Ruuuusty Naails…
Szary: Eased von Seeed hat sein Studio im gleichen Haus, in dem wir die Platte produziert haben. Er kam oft zu uns hoch, um zu quatschen; so wurde er ein Kumpel von uns. Beim Song “Sick With It” sind wir hängengeblieben und Sascha schlug Eased dann vor, die Lyrics zu diesem Song beizusteuern. Oder Busdriver: Von ihm haben wir eigentlich eine Anfrage für einen Remix erhalten…
Ring (schüttelt den Kopf und sagt schmunzelnd): Die Jungs haben jedes Mal Remixes gegen Vocals und andere Dienstleistungen eingetauscht und jetzt müssen wir im nächsten Jahr 45 Remixes machen.
Szary: Paul St. Hilaire’s Vocals sind von der „Happy Birthday“-Produktion [Anm d. Red..: dem letzten Modeselektor-Album] übrig geblieben.
Die Kombination von düsterer, melancholischer und flächiger Electronica und aufputschendem, grimigem Rave ist nicht offensichtlich. Wie seid ihr darauf gekommen?
Ring: Es war nicht unsere Absicht, diese Sounds zu kombinieren. Wir sind einfach Kumpels, die Bock hatten eine Platte zusammen zu machen. „Moderat“ ist nun das Resultat.
Gab es im Studio trotzdem Apparat- bzw. Modeselektor-Sessions?
Ring: Nein. Wir saßen die meiste Zeit zusammen im Studio. Im Voraus hatte jeder für sich im stillen Kämmerchen Ideen entwickelt. Dazu kommen sogenannte Songleichen: Tracks, die bei uns noch im Keller lagen und wir alleine leider nicht mehr reanimieren konnten. Da hatten wir jeweils die Hoffnung, dass der jeweils andere Part diesen Songs nochmals Leben einhauchen kann.
Szary: Obwohl es vereinzelt Zweier- oder gar Einzelsessions gab, haben wir die meiste Zeit zusammen im Studio verbracht.
Ring: Es gab sogar Phasen, da durfte einer alleine nicht mehr im Studio sitzen, weil die anderen Angst hatten, dass dieser den Song heimlich verändert. Das war zwischenmenschlich höchst brisant.
(Alle lachen)
Erzählt doch bitte etwas zum Album.
Szary: Das Album ist genau so geworden, wie wir sind. Jeder hat sich auf seine Art eingebracht und diese Einflüsse sind dann schlussendlich zusammengeschustert worden. Das war eine sehr interessante Herangehensweise.
Ring: Obwohl wir versucht haben, die Platte düster zu halten, ist sie halliger und spaciger als eine Apparat Platte…
Bronsert: Sie ist schon dark gehalten! Aber es soll auch so sein. Letztendlich wollten wir eine coole darkness verbreiten. Eigentlich ist es lustige Musik zum Weinen. Die Platte spiegelt den Zeitgeist wider und ist eine Art Zeitzonen-Reminiszenz… (Ring blickt fragend) Sie bildet den Soundtrack zur momentanen Krise, beschreibt aber anderseits auch die aktuelle Aufbruchsstimmung. Zum Beispiel der Song „A New Error“ steht eigentlich für „A New Era“. Vielleicht geht auch alles vor den Baum, wer weiss.
Ring: (lacht) Den Link habe ich bis jetzt noch nicht gesehen.
Bronsert: (fährt unbeeindruckt von Rings Kommentar fort) Das alles wird durch eine für unsere Verhältnisse aufwändige Licht- und Videoshow und eine entsprechende DVD zum Album visualisiert. Gezeigt werden Bildkompositionen von aufwendig gefilmten, in Zeitlupe zerberstenden Betonklötzen, Holzbalken und weiteren Materialien.
Auf der bevorstehenden Tour besteht Konfliktpotenzial: zwei Papas und ein Junggeselle sind zusammen unterwegs. Wie sieht ihr das?
Bronsert: Wir sind alle erwachsene Menschen. Wenn Sascha etwas verkackt, weil er besoffen ist, kriegt er ordentlich auf die Fresse.
Ring: Da krieg ich ‚erwachsen’ auf die Fresse.
(Ring und Bronsert gestikulieren wild und brechen dann in Gelächter aus)
Bronsert: Die Tour an sich wird schon sehr anstrengend: Wir spielen in den vier Monaten 50, 60 Gigs unter anderem in den USA, Mexiko, Kanada und natürlich Europa. Da wir alle vom Reisen total gebeutelt sein werden, müssen wir uns dann zweimal überlegen, ob wir zur Aftershowparty gehen. Zumindest am Anfang…
Ring: Letztens hast du noch gesagt, du hättest total Bock auf den Aftershowparties aufzulegen!?
Bronsert: Das habe ich nach wie vor. Es hängt davon ab, wie doll du da hingehst…
Ring: Wie doll?? Ich geh immer doll irgendwo hin. Ich kann nicht nur ein bisschen hingehen…
Bronsert: (Plötzlich wieder ernst) Die Tour wird ein bisschen geregelter und gesitteter ablaufen. Da diesmal alles aufwändiger gestaltet ist, hängt schlussendlich auch mehr daran. Die Live-Show ist quasi ein Theaterstück, an welches eine Videodramaturgie gekoppelt ist.
Szary: Es wird eine Moderat-Inszenierung geben.
Ring: Diesmal gehen wir besser vorbeireitet auf Tour. Da wir die Show proben. weiß jeder was er zu tun hat. Es sollte keine bösen Überraschungen geben wie bei unseren Improvisations-Shows früher. Da gab es jeweils einen Kampf, wer ist lauter etc. Bei den aktuellen Live-Shows sehe ich eher einen anderen Konflikt: Einerseits möchten wir die Möglichkeit haben einzugreifen und zu improvisieren, anderseits sollte der Sound perfekt mit den Bildern synchronisiert sein.
Habt ihr eigentlich schon Pläne für die Zeit nach der Tour?
Bronsert: Nach dem Sommer machen wir eine Mix-CD für die „Body Language“-Serie von Get Physical. Die haben Modeselektor und Apparat unabhängig voneinander angefragt. Obwohl wir eigentlich beide Anfragen abgelehnt hatten, stellten wir uns dann die Frage, wieso wir denen nicht eine Moderat-Mix-CD anbieten. Dies würde sich auch positiv auf die Absatzzahlen unseres Albums auswirken…
Ring: Keine Ahnung, was wir danach machen werden. Irgendwann realisiert jeder wieder seine eigenen Projekte. Darum haben wir zwischendurch das Moderat-Projekt eingeschoben, um wieder mit neuem Schmackes an unsere Soloarbeiten herangehen zu können. Kollaborationen wie diese bringen einem auch für die eigenen Sachen weiter. Vielleicht hören wir aber auch auf… vielleicht verdienen wir ja so viel Geld, dass wir keine Musik mehr machen brauchen. Wir machen das ja eh nur wegen des Geldes… (zwinkert)
Szary: (verwundert) Wir verdienen doch kein Geld damit!?
(alle lachen)
„Moderat“ erscheint am 20. April auf BPitch Control als CD, CD & DVD, LP und Digital.


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